Interview mit „Literra“

Interview LITERRA mit Gunda Plewe vom 15. Juli 2013

Die Kolumne verweilt immer noch in Duisburg, und diesmal richtet sich mein Augenmerk auf einen Autor, der zwar in Duisburg geboren wurde, den es aber im Laufe seines nicht unbewegten Lebens nach Lippstadt verschlagen hat. Bernhard Giersche hat gerade sein erstes Buch im Begedia Verlag veröffentlicht und war so freundlich, mir einige Fragen rund um „das letzte Sandkorn“ zu beantworten.

G.P.: Was hat Dich bewogen, Dein Buch „Das letzte Sandkorn“ zu schreiben? Wer oder was hat Dich inspiriert?

B.G.: Das war eine ganz kuriose Geschichte. Mein Bruder, der Verleger Harald Giersche fragte mich, ob ich nicht eine Kurzgeschichte zu seiner Anthologie »2012« schreiben wolle. Er wusste natürlich, dass ich immer schon geschrieben hatte, nur nie konsequent genug. Schreiben war immer meine Passion und ich habe sie vor allem im journalistischen Bereich ausgelebt bis dahin. Also sollte ich nun einen Dreissig-Seiter schreiben zum Thema »Weltuntergang«. Das ging für mich gar nicht. Ich war der Meinung, dass die Welt oder nur die Menschheit bereits auf jede erdenkliche Art und Weise untergegangen war und ich das nur einen alten Teebeutel erneut aufkochen könnte, was definitiv meinem Anspruch an eine gute Geschichte widersprach. Also sagte ich ab.
Indem hatte ich eine Idee. Ich skizzierte die kurz und schrieb die ersten zehn Seiten und schickte sie meinem Bruder. Der sagte….wooow….und spornte mich an, das irgendwie auf 120 Seiten zu bringen…als Novelle hätte das echte Chancen. Nach hundertzwanzig Seiten war ich erst bei der Hälfte und Harald wusste da bereits, dass es ein Roman werden würde. So kam ich also dazu, das Buch zu schreiben.

G.P.: Sind Deine Figuren Dir ans Herz gewachsen, die Guten wie die Bösen gleichermaßen? Und haben sie Dich manchmal überrascht?

B.G.: Eine sehr schöne Frage. Sie haben mich täglich überrascht. Sie machten was sie wollten, zumindest die Hauptprotagonisten. Die Nebendarsteller hatte ich im Griff aber die anderen…manoman, manchmal schreckte ich von der Tastatur zurück und rief: »Was zum Geier machen die da?«. Dadurch bekam die Geschichte echtes Leben. Ich habe das so gelassen, weil sie es besser konnten, als ich es im Plot vorgesehen hatte. Deswegen mag ich alle meine Protas…nein…das wird ihnen nicht gerecht. Ich liebe Fred, Brigitta, Adam und Tomate, all die anderen und sogar der Herr Beck hat meine Sympathien, irgendwie.

G.P.: Wie sieht Deine Schreibroutine aus, wenn es sie denn gibt?

B.G.: Jemand sagte einmal zu mir: »Ich kenne nur ein Lebewesen auf der Welt, das seine Umwelt so organisiert wie der Herr Giersche, und das ist der Biber«.
Ich bin völlig scriptlos. Ich habe keine Flipchart oder Schreibzeiten. Ich spüre, wenn was »raus« muss und dem beuge ich mich, schaffe mir den Raum dafür und lege los. Ich schreibe dann wie besessen und am Schluss ist es gut. Keine Exposés, keine Aufzeichnungen oder so. Völlig chaotisch. Und frage jetzt bitte nicht nach Recherche…da könnte ich dann ein eigenes Buch drüber schreiben.

G.P.: Wer durfte „Das letzte Sandkorn“ als Erster lesen?

B.G.: Hmmm, da muss ich kurz überlegen. Eigentlich ich, weil es für mich selbst überraschend war, was da abging teilweise. Aber in Wirklichkeit meine Lebensgefährtin Gisela, die jede Seite quasi eingefordert hatte, kaum dass ich sie geschrieben hatte. Sie saß teilweise im selben Zimmer und ich mailte ihr dann den Fortschritt. Hin und wieder kam dann ein »Schreib schneller« als Kommentar zurück. War echt spannend.

G.P.: Wie lange hat es gedauert, Dein Buch fertig zu schreiben?

B.G.: Das waren, jetzt außerhalb des Lektorates und so, etwa sieben Monate

G.P.: Das Genre des Buches war für mich überhaupt nicht zuzuordnen, was mir übrigens sehr gut gefallen hat. Es passt in keine Schublade, es hat Elemente eines Thrillers, eines Horrorromans und auch eines Science-Fiction-Romans. War diese Mischung von Anfang an vorhanden, oder hat es sich erst während des Schreibens entwickelt?

B.G.: Es war eigentlich seit der Geburt der Idee klar, dass es schwierig würde, ein passendes Genre zuzuordnen. Wir hatten da wirklich lange Gespräche. In keine Schublade zu passen ist etwas, was mich mein Leben lang begleitet hat. Aber das Buch war von Anfang an Genre-inkompatibel .

G.P.: Im „letzten Sandkorn“ befiehlt eine vermeintlich göttliche Stimme jedem einzelnen Menschen, die Welt innerhalb von zehn Tagen zu retten. Die Auswirkungen auf die Menschen hast Du sehr anschaulich, sehr detailreich und konsequent geschildert. Wer oder was hat Dir geholfen, Dich in so viele verschiedene Typen hineinzuversetzen, Dir so unterschiedliche Szenarien auszumalen?

B.G.: Ich bin ein Mensch, der hinschaut. Der auch hinter die Kulissen blickt. Ich scheue mich nicht im Geringsten, im größten Mist zu wühlen um herauszufinden, was da los ist. Ich war einige Jahre in Kriegs-,und Krisengebieten unterwegs und habe da natürlich viel über Menschen und deren Abgründe erfahren. Ich habe Opfer und Täter kennengelernt und ich habe selber im Leben so einige menschliche Abgründe erlebt. Ich glaube, dass es einfacher ist, Dinge zu beschreiben, die man selber in irgendeiner Form erlebt hat. Die Vielfalt an menschlichen Facetten hat mich schon seit Kindesbeinen an fasziniert und meine Neugierde hat natürlich Wissen um diese Dinge generiert. Das Buch ist ein Stück weit Ergebnis dieser Entwicklung.

G.P.: Wird es eine Fortsetzung geben? Wenn nein, wie sehen Deine Pläne für Dein nächstes Buch aus?

B.G.: Ich schreibe derzeit an einem neuen Buch. Auch eine spannende Idee, wie ich glaube, aber ein anderer Ansatz. Jetzt, nach etwas fünfzig Seiten habe ich »Das letzte Sandkorn« noch einmal gelesen, lektoriert und gesetzt. Und alle meine Protagonisten haben gerufen? »Hey, Bernhard, willst du uns hier versauern lassen?«
Ich bin jetzt fast soweit, mein aktuelles Projekt pausieren zu lassen und mal zu sehen, was Fred und Konsorten so treiben.

G.P.: Du hast einige Lesungen für die nächste Zeit geplant – was gefällt Dir am besten daran, vor Publikum zu lesen?

B.G.: Das ist für mich die einzigartige Chance, das Buch so zu vermitteln, die Szenen so zu beschreiben, wie sie gedacht waren. Betonungen in der wörtlichen Rede, so wie ich sie beim Schreiben im Kopf hatte, kann ich so anbringen und somit dem Buch noch mehr Leben geben. Ich sehe das dann an der Reaktion des Publikums, wie sehr es das in das Buch »hineinzieht«. Ein absolut magischer Moment ist das und man kann als Autor danach süchtig werden, fürchte ich.

G.P.: Gibt es Tipps, die Du hoffnungsvollen Jungautoren mit einem unveröffentlichten Buch geben kannst?

B.G.: Ich weiß nicht, ob ich die Kompetenz habe das zu tun. Ich kann nur sagen, dass mich das anschließende Lektorat vieles gelehrt hat. Satzbau, Bandwurmsätze, Rechtschreibfehler und inhaltliche Fehler sind absolutes Ausschlusskriterium, um einem Mindestanspruch gerecht zu werden. Und was für mich der Kern ist: Die Recherche. Das muss passen. Selbst in Details muss es nachvollziehbar und..sorry…«googlebar« sein. Ich kann nichts beschreiben in einem Roman, der im »Hier und jetzt« spielt, was es nicht gibt. Ich kann nicht Sachverhalte erfinden, die es nie gegeben hat. Da hört ganz klar die schriftstellerische Freiheit auf. Und das lässt man vielleicht in seinem Schreibdrang zu oft geschehen und deswegen glaube ich, dass viele, eigentlich gute Ideen, nie den Weg ins gedruckte Buch finden. Als mein Buch, von dem ich dachte, das es kaum Anlass zum Meckern geben würde, aus dem Lektorat kam, stellte ich fest, dass auch ich in manchen Dingen zu leichtsinnig war. Nichts Schlimmes, aber doch ärgerlich für mich..und lehrreich. Lektorat ist absolut unumgänglich. Wie auch immer das realisiert wird. Ohne das geht das nicht.

Vielen Dank für das Beantworten aller Fragen!

Vielen Dank für das Interview!
copyright: Bernhard Giersche, Literra

Infos zur Seite: Literra – Die Welt der Literatur (Phantastik & Sci-Fi)

Rezension von „Literra“

Die Seite „Literra“ hat mich mit einer Rezension geadelt.
Vielen Dank dafür.

Rette die Welt in zehn Tagen – diese Prämisse wäre selbst für einen routinierten Weltenretter wie Bruce Willis schwer zu akzeptieren. Bernhard Gierschem, ein in Duisburg geborener Autor, wagt es und schreibt ein Buch, das sich allen Genres widersetzt und neben aller Action einen Blick auf den Menschen wirft, der hoffnungsvoll und zutiefst pessimistisch zugleich ist.

Aber gehen wir doch zum Anfang:
„Du hast zehn Tage Zeit, die Welt zu retten, bevor ich sie zertrete mit allem Gewürm darauf. Zehn Tage und Nächte gebe ich Dir, Dir alleine, um die Welt zu retten. Nutze sie oder vergehe zusammen mit allen anderen Deiner Art.“
Mit diesen Worten meldet sich Gott, von manchen lange für tot gehalten, von anderen fanatisch auf ihrem Banner verewigt, bei allen Menschen dieser Erde, sozusagen per Liveschaltung direkt ins Gehirn. Je nach Veranlagung reagieren die Menschen unterschiedlich auf den göttlichen Auftrag. Einige versuchen, besonnen zu reagieren, andere töten enthemmt jene, die ihnen im Wege stehen. Das kann die königliche Familie sein, der unmittelbare Vorgesetzte im Job, der Pastor oder der Nachbar sein. Die Welt brennt!

Vom Allgemeinen ins Besondere schwenkt der Blick im Letzten Sandkorn dann, um konsequent die Folgen des göttlichen Auftrags zu beleuchten. Der zunächst namenlose Icherzähler einiger Teile des Romans ist Versicherungsangestellter mit einem Gespür für Lügen und einem Auge für Details eröffnet den Reigen der Perspektiven. Aus seinem Leben erfährt der Leser die meisten Einzelheiten – geschieden und desillusioniert, versucht er, das Chaos zu begreifen und gleichzeitig, Schadensbegrenzung zu betreiben. Auf dem Weg nach Norden liest er das Baby Tomate auf, und nun, da er die Verantwortung für jemand anderen trägt, gibt es für ihn plötzlich einen Grund zum Überleben, nicht nur zum rein rationalen Verstehen.

Der Beginn des Romans gehört ganz dem namenlosen Erzähler und der Schilderung weltumspannender Schreckensszenarien – diesen ersten Teil hätte ich mir etwas kompakter gewünscht, denn es ist bereits nach einigen Seiten klar, dass nicht nur Christen, sondern auch die Gläubigen anderer Religionen die mysteriöse Stimme vernommen haben.

Die blinde Brigitta, der in der Psychiatrie einsitzende Fred und die eitel und oberflächlich erscheinende Evelyn kreuzen seinen Weg zum Weltuntergang. Auch Laurenz Beck, vor der tönenden Stimme Gottes Bankangestellter, nachher selbst ernannter Ausmerzer des Bösen, trifft auf die bunte Truppe. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits eine Schar Jünger um sich gesammelt und interpretiert den Auftrag auf seine eigene und gnadenlose Weise.

Wer sich nun an Stephen Kings episches letztes Gefecht erinnert fühlt, hat nur teilweise recht. Zwar gibt es hier, bedingt durch die Erzählweise mit den wechselnden Perspektiven, ebenfalls Charaktere, die es zu einem ganz bestimmten Ort zieht, und es gibt jemanden, den man als „Bösewicht“ bezeichnen könnte, aber dann endet der Vergleich auch schon. Das letzte Sandkorn hütet sich vor plakativem Kampf Gut gegen Böse. Der Dreh- und Angelpunkt aller Handlungsstränge ist immer das Einzelschicksal, auch wenn zu Beginn vollmundig die Rettung der Menschheit angemahnt wurde. Wie aus dem Psychiatriepatienten Fred Linder mit seinem skrupellosen inneren Fred ein Mensch wird, der seine Liebe findet und damit auch die Fähigkeit, den inneren, „bösen“ Fred endlich als einen Teil seiner selbst anzunehmen, ist sehr bewegend, zumal vonseiten Bernhard Giersches auf Sentimentalitäten verzichtet wird. Auch Laurenz Beck ist weit von einem Randall Flagg entfernt, der eine Hölle auf Erden errichten will. Jede einzelne Figur im Roman tut das, was sie für richtig hält, also Gutes aus den falschen Gründen und Böses aus verdreht richtig-falschen Gründen.

Ein Weltenretterszenario hätte sehr leicht in eine zu actionlastige oder zu emotionale Szenerie rutschen können. Das letzte Sandkorn vermeidet diese Falle, lässt sich aus diesem Grund auch nicht in ein Genre einordnen. Es hat Elemente eines Horrorromans, eines Science-Fiction-Romans und eines Endzeitthrillers, ist aber durch die Summe seiner Teile mehr als das. Auch der trockene Humor fügt sich gut in den gesamten Tonfall des Romans ein.
Das Ende des Buches schließlich … nun, es ist verschachtelt, so viel immerhin kann ich verraten. Es fügt sich gut ein, lässt aber doch Fragen offen. Aber vielleicht gibt es ja im Laufe des Jahres oder zu Beginn des nächsten Jahres eine Erklärung oder wenigstens einen Erklärungsansatz in einem weiteren Buch von Bernhard Giersche. Es wäre mehr als wünschenswert.

Weitere Infos auf: Literra – Die Welt der Literatur