Rezension von „Literra“

Die Seite „Literra“ hat mich mit einer Rezension geadelt.
Vielen Dank dafür.

Rette die Welt in zehn Tagen – diese Prämisse wäre selbst für einen routinierten Weltenretter wie Bruce Willis schwer zu akzeptieren. Bernhard Gierschem, ein in Duisburg geborener Autor, wagt es und schreibt ein Buch, das sich allen Genres widersetzt und neben aller Action einen Blick auf den Menschen wirft, der hoffnungsvoll und zutiefst pessimistisch zugleich ist.

Aber gehen wir doch zum Anfang:
„Du hast zehn Tage Zeit, die Welt zu retten, bevor ich sie zertrete mit allem Gewürm darauf. Zehn Tage und Nächte gebe ich Dir, Dir alleine, um die Welt zu retten. Nutze sie oder vergehe zusammen mit allen anderen Deiner Art.“
Mit diesen Worten meldet sich Gott, von manchen lange für tot gehalten, von anderen fanatisch auf ihrem Banner verewigt, bei allen Menschen dieser Erde, sozusagen per Liveschaltung direkt ins Gehirn. Je nach Veranlagung reagieren die Menschen unterschiedlich auf den göttlichen Auftrag. Einige versuchen, besonnen zu reagieren, andere töten enthemmt jene, die ihnen im Wege stehen. Das kann die königliche Familie sein, der unmittelbare Vorgesetzte im Job, der Pastor oder der Nachbar sein. Die Welt brennt!

Vom Allgemeinen ins Besondere schwenkt der Blick im Letzten Sandkorn dann, um konsequent die Folgen des göttlichen Auftrags zu beleuchten. Der zunächst namenlose Icherzähler einiger Teile des Romans ist Versicherungsangestellter mit einem Gespür für Lügen und einem Auge für Details eröffnet den Reigen der Perspektiven. Aus seinem Leben erfährt der Leser die meisten Einzelheiten – geschieden und desillusioniert, versucht er, das Chaos zu begreifen und gleichzeitig, Schadensbegrenzung zu betreiben. Auf dem Weg nach Norden liest er das Baby Tomate auf, und nun, da er die Verantwortung für jemand anderen trägt, gibt es für ihn plötzlich einen Grund zum Überleben, nicht nur zum rein rationalen Verstehen.

Der Beginn des Romans gehört ganz dem namenlosen Erzähler und der Schilderung weltumspannender Schreckensszenarien – diesen ersten Teil hätte ich mir etwas kompakter gewünscht, denn es ist bereits nach einigen Seiten klar, dass nicht nur Christen, sondern auch die Gläubigen anderer Religionen die mysteriöse Stimme vernommen haben.

Die blinde Brigitta, der in der Psychiatrie einsitzende Fred und die eitel und oberflächlich erscheinende Evelyn kreuzen seinen Weg zum Weltuntergang. Auch Laurenz Beck, vor der tönenden Stimme Gottes Bankangestellter, nachher selbst ernannter Ausmerzer des Bösen, trifft auf die bunte Truppe. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits eine Schar Jünger um sich gesammelt und interpretiert den Auftrag auf seine eigene und gnadenlose Weise.

Wer sich nun an Stephen Kings episches letztes Gefecht erinnert fühlt, hat nur teilweise recht. Zwar gibt es hier, bedingt durch die Erzählweise mit den wechselnden Perspektiven, ebenfalls Charaktere, die es zu einem ganz bestimmten Ort zieht, und es gibt jemanden, den man als „Bösewicht“ bezeichnen könnte, aber dann endet der Vergleich auch schon. Das letzte Sandkorn hütet sich vor plakativem Kampf Gut gegen Böse. Der Dreh- und Angelpunkt aller Handlungsstränge ist immer das Einzelschicksal, auch wenn zu Beginn vollmundig die Rettung der Menschheit angemahnt wurde. Wie aus dem Psychiatriepatienten Fred Linder mit seinem skrupellosen inneren Fred ein Mensch wird, der seine Liebe findet und damit auch die Fähigkeit, den inneren, „bösen“ Fred endlich als einen Teil seiner selbst anzunehmen, ist sehr bewegend, zumal vonseiten Bernhard Giersches auf Sentimentalitäten verzichtet wird. Auch Laurenz Beck ist weit von einem Randall Flagg entfernt, der eine Hölle auf Erden errichten will. Jede einzelne Figur im Roman tut das, was sie für richtig hält, also Gutes aus den falschen Gründen und Böses aus verdreht richtig-falschen Gründen.

Ein Weltenretterszenario hätte sehr leicht in eine zu actionlastige oder zu emotionale Szenerie rutschen können. Das letzte Sandkorn vermeidet diese Falle, lässt sich aus diesem Grund auch nicht in ein Genre einordnen. Es hat Elemente eines Horrorromans, eines Science-Fiction-Romans und eines Endzeitthrillers, ist aber durch die Summe seiner Teile mehr als das. Auch der trockene Humor fügt sich gut in den gesamten Tonfall des Romans ein.
Das Ende des Buches schließlich … nun, es ist verschachtelt, so viel immerhin kann ich verraten. Es fügt sich gut ein, lässt aber doch Fragen offen. Aber vielleicht gibt es ja im Laufe des Jahres oder zu Beginn des nächsten Jahres eine Erklärung oder wenigstens einen Erklärungsansatz in einem weiteren Buch von Bernhard Giersche. Es wäre mehr als wünschenswert.

Weitere Infos auf: Literra – Die Welt der Literatur

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